30 Jahre Perspektive Russland. Ein persönlicher Gruß

Liebe Freunde in Deutschland und Westeuropa!

In diesen Sommerwochen wird die Perspektive Russland, vormals Russlandhilfe, 30 Jahre alt. 1989 organisierte ich die ersten Hilfslieferungen nach Moskau, in die Sowjetunion. Das waren pädagogisches Material und Zubehör für Kostüme und Kinderfeste. Russische Freunde hatten gebeten zu helfen, dass ihre Kinder die Inhalte christlicher Feste nicht nur lernen, sondern unmittelbar erleben konnten. Ein Georgspiel und ein großes Erntedankfest waren für die Eltern sehr aufregend. 70 Jahre lang hatte die religiöse Erziehung von Kindern unter schwerer Strafe gestanden. Alle Traditionen waren weitgehend vergessen und mussten neu begründet werden. Kinderfeste zu den christlichen Jahresfeiern, Hirten- und Osterspiele begleiten unsere Arbeit noch heute.

1990/91 verschlechterte sich die Versorgungslage rasant. In Deutschland wurde ich mit der Initiative „Russlandhilfe“ von überwältigender Hilfsbereitschaft förmlich überrollt. 1992 zog ich nach Moskau, um dafür zu sorgen, dass Kleidung, Lebensmittel und Medikamente auch wirklich direkt bei Notleidenden ankamen. Zwei Jahre in Russland waren damals geplant. Doch heute ist Hilfe in Russland immer noch notwendig. So blieb ich in Moskau.

Viele von Ihnen sind schon ganz am Anfang zur Russlandhilfe gestoßen. Und dadurch, dass Sie unsere Tätigkeit immer vertrauensvoll und bedingungslos mit Ihren Spenden unterstützten und

30 Jahre lang den ganzen Entwicklungsweg von Russlandhilfe/Perspektive Russland mit uns gingen, haben Sie ihn überhaupt erst möglich gemacht. Wir konnten frei wachsen, die Schwerpunkte unserer Arbeit eigenständig setzen und den sich laufend ändernden sozialen Herausforderungen in Russland ablauschen, was jeweils an neuen Schritten notwendig war. Dabei sind wir völlig unabhängig von politischer Konjunktur oder Einflussnahme. Sie schenken uns die Freiheit zum Handeln. Dafür sind wir Ihnen unendlich dankbar!

Im Weihnachtsbrief mussten wir Sie über die existenzbedrohende finanzielle Lage der Perspektive Russland e.V. informieren. Und wieder kamen Sie uns zu Hilfe: Großzügige Sonderspenden gingen ein, und Förderbeiträge wurden erhöht. Inzwischen ist unsere Gesamttätigkeit bis Anfang November 2019 gesichert. Auch dafür von ganzem Herzen Dank!

1992 gründeten wir in Moskau das Zentrum für soziale Dienste. Wahrscheinlich war es die erste nichtstaatliche soziale Einrichtung in Russland überhaupt. Bürgerselbsthilfe war damals völlig unbekannt. Das Zentrum wurde sofort zur Mustereinrichtung. Die ersten sieben Jahre verteilten wir überwiegend humanitäre Hilfe aus Deutschland an jährlich 60.000 notleidende Menschen. In kleinem Umfang tun wir das bis heute. Die Kleider kommen längst aus Russland selbst.

Mitarbeiter unseres Kleiderlagers waren durchweg Universitätsdozenten, die ihr Gehalt nicht ausgezahlt bekamen. Sie waren fassungslos, als aus Deutschland junge Freiwillige kamen und fröhlich die Teilnehmer unseres ersten Seniorenclubs bei der Hausarbeit unterstützten. Freiwillige kannte man damals in Russland überhaupt nicht. Heute bauen wir einen europäischen Austauschdienst auf, um sehr engagierte junge russische Freiwillige für ein Jahr in soziale Einrichtungen nach Deutschland zu entsenden.

Drei Entwicklungsphasen haben wir bisher durchlaufen, und jedes Mal mussten wir uns regelrecht neu erfinden. Als 1998 das Centr Perspektiva gegründet wurde, schossen soziale Initiativen rus-sischer Bürger geradezu aus dem Boden. Unglaublich schnell wurden unsere Arbeitsansätze und Methoden aufgegriffen, landesweit an örtliche Gegebenheiten angepasst und oft wesentlich kreativer umgesetzt als von uns selbst. Wir konnten die Hilfe vervielfachen, indem wir diesen Initiativen finanziell und beratend halfen, erste Schritte zu tun. Zu den mehr als 80 sozialen Einrichtungen in ganz Russland, die seit 1999 mit unserer Hilfe aufgebaut wurden, gehören die Schule des Hl. Georg in Moskau als erste russische Schule für schwerst- und mehrfachbehinderte Kinder und das erste Rehabilitationszentrum für gefangene Waisen in einer russischen Strafkolonie, aber auch die mobile Fortbildung in Heilpädagogik, deren vierter dreijähriger Ausbildungsgang im August in Kazan, Gebiet Tatarstan, beginnen wird. Im November werden wir die inzwischen erwachsene erste Schülergeneration der Schule des Hl. Georg und entlassene jugendliche Straf-gefangene zum ersten Deutsch-Russischen Inklusiven Sozialforum „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ nach Moskau einladen.

Noch 2010 hatten alle NGOs Angst vor „Konkurrenten“, die Ideen, Methoden oder Förderer stehlen könnten, und schotteten sich ab. Synergie-Effekte gingen verloren. Wir begannen, unsere Förderprojekte für Austausch und gegenseitige Fortbildung untereinander zu vernetzen. In dieser Phase entstand das Deutsch-Russische Sozialforum im Petersburger Dialog für Praktiker der Sozialarbeit. Seine Themen, z.B. seelische Traumata im Kindesalter, sind in Ost und West gleichermaßen so brennend, dass die politische Wetterlage und sämtliche Sanktionen irrelevant werden. Im sozialen Bereich entstehen auf menschlicher und professioneller Ebene sofort Berührungspunkte und Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Immer wieder erleben wir nachhaltig, dass künstlerisches Tun die besten weiterführenden heilsamen Entwicklungen bewirkt. Im Sozialforum zeigt sich, dass Menschen aus Russland und Deutschland klar auf demselben Boden europäischer Kultur stehen. In der vierten Phase unserer Gesamtarbeit wollen wir helfen, die Kunst viel stärker in die praktische Sozialarbeit zu integrieren und den neuen alten Ängsten vor Russland die menschliche Begegnung auf der Grundlage der gemeinsamen europäischen Wurzeln entgegenzustellen. Gemeinsam wollen wir die sozialen Herausforderungen unserer Zeit anpacken und dadurch Frieden sichern. Dass das gelingen möge, wünscht Ihnen und uns in diesen Sommerwochen herzlichst Ihre

Anne Hofinga

written by Jacob Riemer

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